Gegensätzliches
Randnotizen aus der Rhönkampfbahn

Hünfeld (cw). Das kleine beschauliche Rhönstädtchen Hünfeld und die südamerikanische Metropole Rio de Janeiro- der ‚kleine HSV“, der seine Heimspiele in der (unbestreitbar schönen) Rhönkampfbahn austrägt,und das große Fluminense, das im größten Stadion der Welt, der berühmten Maracana-Arena zu Hause ist: brasilianischer Karneval in westdeutscher Provinz? Das war’s zwar beileibe nicht, was sich gestern in Hünfeld abspielte, aber eine Attraktion der besonderen Art hatte sich der Hünfelder SV anläßlich seines 70 jährigen Jubiläums schon zum Geschenk gemacht.
Um so erstaunlicher, daß sich (trotz des nicht gerade herrlichen Wetters und einer Reihe anderer Veranstaltungen in der Umgegend) nicht mehr Zuschauer in Hünfeld einfanden. 1200 Besucher bei Fluminense, das auf europäische Verhältnisse umgemünzt durchaus mit Klubs wie Real Madrid, Inter Mailand, Ajax Amsterdam oder den Münchner Bayern zu vergleichen ist, ist nicht gerade überzeugend. Doch wenn man das hiesige Interesse bei vergleichbaren Veranstaltungen auf anderer (beispielsweise kultureller)Ebene in Betracht zieht, wundert die Zahl nicht. Und die, die da waren, kamen auf ihre Kosten: nicht nur die Hünfelder, sondern auch die schätzungsweise drei Handvoll Fluminense-Anhänger (eine Dame schwenkte gar frenetisch Brasiliens Nationalflagge), die vor allem die schönen Tore ihrer Idole feierten.
Auf ihre Kosten kam bei dem erlangten Zuschauerschnitt auch die HSV-Pußballabteilung: Achzig Prozent der Einnahmen gingen (bei einer vereinbarten Mindestgage) an die Südamerikaner, zwanzig Prozent blieben dem Gastgeber. Der Verein mußte auf diese Weise kein Defizit verbuchen. Abteilungsleiter Karl-Rainer Bräuning war’s nachher sichtlich zufrieden.
Ein Fluminense-Akteur war gestern übrigens nicht mit von der Partie: Der 19jährige Angriffsspieler Leonardo Manzi wird als Leihgabe ab sofort den Bundesligisten FC St.Pauli verstärken, bei dem er auch schon trainiert. Wem der Hünfelder Auftritt der Brasilianer nicht genügt hat, sollte am 8. und9. August nach Hamburg fahren, wo Manzi beim Turnier um den Hafenpokal erstmals eingesetzt werden soll.

 

Stimmen zum Spiel

Harald Bomgräber (Spielertrainer des Hünfelder SV):
Ich glaube, mit Fluminense war hier eine Supermannschaft zu sehen, die vor allem läuferisch Extraklasse zeigte und nicht ’nur brasilianisch“ spielen, sondern auch wirklich Tore schießen wollte. Für uns war die Partie natürlich eher ein Erlebnis denn ein Kräftevergleich. Dennoch haben wir im Rahmen unserer Möglichkeiten gut  mitgehalten. Lediglich einige individuelle Fehler in der Abwehr haben zu Gegentoren geführt. Mit dem Stand der Saisonvorbereitung kann ich dennoch voll zufrieden sein: Läuferisch und spielerisch sind wir gut drauf, lediglich an der Defensivabstimmung ist noch einiges zu verbessern.

Procopio (Trainer von Fluminense Rio de Janeiro): Für Fluminense war es natürlich kein schweres Spiel, aber eins, das angenehm verlaufen ist, denn der Gegner hat nach Vermögen mitgehalten. Beide Mannschaften haben sich gegenseitig spielen lassen, deshalb war es mit Sicherheit eine interessante Partie für das Publikum. Mir gefällt der bundesdeutsche Fußball im allgemeinen sehr gut, der Geist des Spiels, der auch bei niederklassigeren Vereinen wie Hünfeld herrscht.
Da wird konsequente Deckungsarbeit geleistet und das taktische Konzept durchgehalten. Etwas von diesem Geist möchte ich auf meine Mannschaft übertragen. Schade war heute, das Femando Cruz sich in der 27. Minute ohne Einwirkung des Gegners einen Muskelfaseriss zugezogen hat und für drei Wochen ausfallen wird. Für ihn waren hier die Temperaturen viel-
leicht zu niedrig. Entschuldigen möchte ich mich für die Attacke von Marcio Luiz an Martin Müller, bei der dieser sich wohl verletzt hat. Es steckte zwar keine böse Absicht dahinter, aber so etwas muß nicht sein.

Karl-Rainer Bräuning (Abteilungsleiter des Hünfelder SV): Ich bin vollauf zufrieden, denn die

Zuschauer sind sicher auf ihre Kosten gekommen. Die Gäste haben brasilianische Akzente gesetzt. Den Klassenunterschied hat man natürlich gesehen. Mit den etwa 1200 Zuschauem haben wir unsere Kosten gedeckt. Mit mehr Leuten hatte ich ohnehin nicht gerechnet, denn im hiesigen Raum sind viele bei Sportfesten sehr engagiert, und vielleicht kommt auch eine gewisse Trägheit dazu.

Bernhard Göbel (Spielführer des Hünfelder SV): Die Brasilianer waren uns natürlich technisch überlegen, aber gemessen an der Stärke des Gegners haben wir eigentlich ganz gut mitgehalten. Einige Gegentreffer waren vermeidbar, weil sie aufgrund individueller Fehler entstanden. Dennoch bin ich im großen und ganzen zufrieden.