Noch nicht komplett


In Hünfeld waren es 16 Spieler, die sich um ihren Trainer Axel Becker versammelt hatten.Becker selbst war erst am gestrigen Freitagmittag
aus dem Krankenhaus entlassen worden. Das Hauptgewicht seiner ersten Arbeit: „Alle wissen,worum es geht. Konditionell ist einiges zu tun nach der langen Pause.“ So ging es zunächst um Dauerbelastung, wobei allerdings auch am Ball gearbeitet wurde. Ein Trainingsspielchen von rund 35 Minuten beschloß den Auftakt.
Spielausschußvorsitzender Karl-Heinz Kircher gehörte zu den nur wenigen Besuchern bei der Vorbereitung auf die kommende Saison: ‚Wir wollten eigentlich erst nach der Weltmeisterschaff beginnen, nachdem aber die Saison bereits am 8. August anfängt, haben wir einen fußballosen Femsehabend genommen.“
Von den Neuzugängen fehlten doch einige: Drei der acht aus der Jugend gekommene Aktive waren nicht da, ebenso fehlten C. und S. Maus sowie Reith, die im Urlaub sind. Dazu kam Padilla, der seine neue Mannschaft von draußen beobachtete. Von dem letztjährigen Kader fehlten Stark – der vom Stadion aus in Urlaub fuhr -,die dienstlich verhinderten W. v. Thiel und J.Weber, Glübert war wegen Krankheit zum Zuschauen verurteilt – und Pappert kam schließlich nach.

Großer Bahnhof

Deutscher Meister in Hünfeld

Hünfeld. Vier Stunden vor dem Spiel: Der Bahnhof der Haunestadt ist fast völlig verwaist, nur einige Schüler, die auf ihren Bus warten, und zwei Taxen. Bis auf die Hinweistafel zur 1200-Jahr-Feier deutet eigentlich nichts auf das Großereignis, das Gastspiel des deutschen Meisters, hin.
Tatort ‚Rhön-kampfbahn“: Helfer des Hünfelder SV erledigen die letzten organisatorischen Arbeiten.HSV-Manager Günter Netzer lobte später:
‚Eine schöne Anlage, ein idealer Rasen.“
17.00 Uhr: Die ersten Zuschauer haben längst ihre Plätze eingenommen, die Autogrammjäger bereiten sich auf den großen Ansturm vor. Polizeibeamte weisen denFahrzeugen den Weg zu den Parkplätzen.1500 Autos werden an diesem Tag gezählt.
Zum Spielbeginn werden noch 50 Einstellflächen am Festplatz frei sein, der Not-Parkplatz braucht nicht in Anspruch genommen
werden.
17.25 Uhr: Der Hamburger Mannschafts bus trifft auf der ‚Rhönkampfbahn“, vom  Empfang der Hüntelder Stadtverwaltung an der Naherholungsanlage ‚.Praforst“ kommend, ein. Die Spieler steigen aus, würdigen die jugendlichen Fans (viele tragen T-Shirts mit der Aufschrift ‚Großer HSV – kleiner HSV“) keines Blickes. Müssen Profi-Fußballer arrogant sein? Sie müssen nicht. Und sie beweisen später, daß sie auch anders können, Jakobs, Magath und Hieronymus zum Beispiel: sie geben trotz des Gedränges bereitwillig Autogramme, wechseln sogar ein paar Worte mit ihren Anhängern.
17.30 Uhr: Trainer Ernst Happel tritt aus der Kabine, die Zigarette zwischen den Fingern, schlendert er im modisch-quergestreiften Hemd in Richtung Rasen, prüft das Grün und ist sichtlich zufrieden.
17.58 Uhr: Die Hamburger kommen aus der Kabine, umringt von einem Pulk von Autogrammjägern. Währenddessen läuft auf dem Spielfeld die kirchliche Weihe der beiden Geistlichen. Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Zuschauer zwischen Kirche und Kicker ist schnell entschieden. Landrat Kramer schüttelt mit dem Kopf.
18.15 Uhr: Karl-Heinz Kircher, Hünfelds Spielausschußvorsitzender, stellt fest, daßeine Kleinigkeit vergessen wurde – der Wimpel des ‚kleinen HSV“ fehlt.
Die Panne kann noch rechtzeitig vor dem Anpfiff behoben werden.           .
18.17 Uhr: Die Hünfelder kommen aus der Kabine – keiner will ein Autogramm.
18.20 Uhr: Die Mannschaften werden namentlich vorgestellt. Beifall und  Pfiffe. Kaltzund Magath werden ausgebuht, Hrubesch wird beides zuteil. Ein Zuschauer hat ein handgemaltes Pappschild mitgebracht: Text: ‚Kaltz hätte Schlafwagenschaffner werden sollen.“ Nachher, als der  Nationalverteidiger ausgetauscht wird, sind sich die Besucher einig. Kaltz wird  mit Beifall verabschiedet.
18.35 Uhr: Anpfiff durch Schiedsrichter Dücker. Hinter dem Hünfelder Tor prangt ein Transparent mit der Aufschrift: ‚FC Bayern deutscher Meister 1982/83.“ Die Hamburger kontern: Nach 240 Sekunden köpft Bastrup zum 1:0 ein
18.49 Uhr: Von Heesen erzielt das 4:0.Zum vierten Mal läuft Hünfelds Mittelstürmer Weber zum Mittelkreis. Ein Zuschauer:  ‚Heute lernen die Hünfelder wenigstens mal, wie man Anstoß macht.“
20.28 Uhr: Der Schlußpfiff. Ein Großereignis mit Volksfestcharakter geht zu Ende, aber noch nicht für die AutogrammSammler. Vor dem Hamburger Mannschaftsbus warten die Fans, und das Geschäft blüht  ‚Ich tausche Kaltz gegen Milewski und von Heesen…“              Winfried Keller

 

Hünfelder SV-Hamburger SV 0:13 (0:7)

 

H ü n f e l d. Zum kompletten Fest fehlte nur eines: ein Tor der Gastgeber. Ansonsten konnten alle Betenigten hochzufrieden sein: der Hünfelder SV mit dem guten Besuch von über 4500 ,Zuschauern, Hünfelds Spieler, weil sie gegen den deutschen Meister antreten durften, die Zuschauer ob der HSV-Spielfreude und kompletten Besetzung und die Hamburger selbst ob der erfolgreichen Torejagd, die mit 13:0 (7:0) endete.
Es kam wie erwartet und von Hünfeld nicht erhofft: Hamburg legte gleich zu Beginn energisch los, nach einer Viertelstunde stand es bereits 4:0, zur Halbzeit waren noch drei Treffer dazugekommen. Dabei wurden noch einige Chancen ausgelassen: Nachdem Torwart Kosarek wie sein gesamtes Team ‚kalt erwischt“ .
worden war, zeigte er einige gute Paraden etwa gegen Hrubesch (17., 21.) und hatte Glück, daß Milewski (13.), Hrubesch (17.), Kaitz (19., 24.),Hartwig (20.), Hansen (29.), Bastrup (35.) nicht trafen  und zwei Abseitstore nicht gegeben wurden.                            i
Nach dem Wechsel setzte sich dieses Bild fort: Der Titelträger legte drei schnelle Tore vor, ließ es dann – auch durch die zunehmenden Auswechstungen – nicht mehr so konzentriert und kochklassig angehen. Dennoch wurden weitere Möglichkeiten vertan, auch als Hünfeld fast die komplette Mannschaft auswechselte. Kosarek parierte Schüsse von Hrubesch (63.) und Magath
(69.), während Groh (52.), Rolff (54.) vergaben.
Dem eingewechselten Gerhardt ging es etwas besser, da Rolff zweimal nur den Pfosten traf(82., 86.) und Biel auf der Linie retten konnte.
Hünfelds Erfolgsausbeute war gering: HSV-Torwart Stein mußte in der ersten Halbzeit einmal gegen S. Maus eingreifen und Weber erreich te einen Eckball. Danach schoß N. van Thiel knapp vorbei (57.), Glüberts erster Konter wurde gestoppt, sein zweiter führte zu einer zweiten Ecke, und Stein mußte einmal vor C. Maus eingreifen. Eifer mußte allen Akteuren der Gastgeber, die ergänzt wurden durch den Roßbacher Koch und den Großenbacher Hahner, zugebilligt werden.

Doch dieses Bemühen führte auch zu Unaufmerksamkeiten in der Deckung und zu langem Ballhalten, was sich dann gegen die Rou tiniers negativ auswirkte. Eine recht gute Partie lieferten Göbel, S. Maus und Reith, aber auch Stark, Padilla, Biel und C.Maus- ohne andere herabsetzen zu wollen.

Bei Hamburg setzten sich zunächst von Heesen und  der schnelle Bastrup in Szene, später kam Hrubesch als Torjäger mehr in den Mittelpunkt.
Zur Erinnerung die Torfolge: 1:0 durch Bastrups Kopfball nach Hrubesch-Vorarbeit, 2:0 durch Hrubesch nach Bastrup-Vorlage, 3:0 von Heesen nach Kaltz-Ecke, 4:0 von Heesen nach Kaltz-Flanke, 5:0 Bastrup nach Kosarek-Abklatscher, 6:0 Hartwig-Kopfball nach von Heesens
Einsatz, 6:0 Hansen nach Milewski-Vorlage, 8:0Milweski und 9:0 Magath nach Hrubesch-Vorarbeit, 10:0 Hmbesch nach Groh-Ecke, 11:0 Hrubesch nach Mißverständnis Erhardt – Kosarek,
12:0 Hrubesch auf Vorlage Rolff, 13:0 Jakobs nach Schröders Vorarbeit. –
Dies und die anderen Szenen ergaben: Der HSV bot etwas, fast jede Minute war eine Aktion zu verzeichnen.
Gerhard Cellarius
Hünfelder SV: Kosarek, Pappert, Krimmel,Zimmermann, W. v. Thiel, Stark, Lambrecht, S.Maus, Weber (46. N. v. Thiel), Reith, Göbel.
Hünfeld ab 58.: Kosarek (71. Gerhardt), Biel,Padilla, Erhardt, W. v. Thiel, Rehberg, Koch, C.Maus, Hahner, N. v. Thiel, Glübert.

Hamburger SV: Stein, Kaltz (62. Schröder), Groh, Hartwig (46. Wehmeyer), Jakobs, Milewski (76. Schmidt), v. Heesen, Hansen (46. Rolff), Hrubesch, Magath (76. Brunecker), Bastrup (68.Djordjevic).

 

Eberhard Fennel (Bürgermeister, Hünfeld):

Die Begegnung muß man als Fußballspaß betrachten. Das Hünfelder Team war bemüht, das Resultat zu verbessern, doch der Klassenunterschied war zu groß. Wir haben uns gefreut, daß Hamburg mit der kompletten Mannschaft gekommen ist. Das ist letztendlich auch ausschlaggebend für den deutlichen Sieg gewesen.

 

Wir haben ein schönes Spiel gesehen, das auch für die Zuschauer interessant gewesen ist. Die Nummer elf des Gegners (Göbel, d. Red.) war ein schneller Mann.

Günter Netzer (Manager HSV):

Ich muß unserem Gegner ein großes Lob aussprechen, daß er so fair gespielt hat. Außerdem haben wir hier sehr gute Bedingungen vorgefunden.

Karl-Rainer Breuning (Hauptorganisator):

Der HSV hat erwartungsgemäß sein volles Programm abgespult. Ich bin mit dem Spiel trotz der hohen Niederlage für uns sehr zufrieden. Auch die Zuschauer dürften auf ihre Kosten gekommen sein.

Karl-Heinz Kircher (Spielausschußvorsitzender, Hünfeld):

Wir hatten viel Arbeit und ich bin  froh, daß es vorbei ist. Aber es gab keine Pannen,und mit dem Besuch bin ich zufrieden. Die vielen Autogrammjäger lassen sich einfach nicht zu rückhalten.

Axel Becker (Trainer von Hünfeld):

Hamburg hat verdient gewonnen.
Aber im Ernst: Wir haben zu schnell Tore geschluckt und einfach zu offensiv gespielt, was wir eigentlich gar nicht wollten. Die Leistung Hünfelds war sicher nicht schlecht,eher recht ordentlich, wenn wir nur etwas defensiver gewesen wären.